Im kreativen Schaffen entstehen neben Bildern häufig auch Geschichten, Erzählungen oder Texte.

Diese haben manchmal einen Bezug zu einem Bild, spiegeln Erkenntnisse wider oder entstehen in besonders inspirierender Umgebung. Viel Freude beim Schmökern! 

Die schönste Zeit

 

Und manchmal habe ich das Gefühl die Zeit bleibt stehen - einfach so.

Und manchmal bleibt die Zeit einfach stehen - einfach so.

Bleibt sie stehen oder dehnt sie sich aus? Wohin dehnt sie sich aus? Ins Unendliche?

 

Wie lange bin ich jetzt schon hier?

Eine Stunde? Einen Tag? Eine Woche? Einen Monat? Ich kann es nicht sagen.

 

Manchmal spielt Zeit keine Rolle, ist bedeutungslos. 

 

Oder ist diese Zeit, die sich so unwirklich ausgedehnt anfühlt

so lang

so intensiv

so normal

etwa die Zeit, die besonders bedeutungsvoll ist?

 

Ist das die Zeit,

in der die schönsten Momente geschehen und die wundervollsten Erinnerungen entstehen?

 

Gefühlte Ausdehnung. Unwirklich wirklich.

 

Stehengeblieben, ausgedehnt, bedeutungslos, bedeutungsvoll. 

 

Voll auskosten.

 

© 2018 Annika Peißert


Puzzleschnüre

 

Manchmal kommt mir das Leben vor wie ein Puzzle.

Es sind so viele Teile da und doch passt es nicht richtig zusammen.

Ich suche wie besessen das nächste passende Puzzlestück. 

 

Mein Vertrauen, dass es eines Tages passt, dass das Puzzle eines Tages zusammengesetzt ist:

Mal ist es da, mal ist es weg.

Ich verliere den Überblick. 

Was macht man, wenn man den Überblick verliert? Mit all den einzelnen Teilen des Puzzles?

Wie lauter Enden von Schnüren hängen sie vor meiner Nase. Fast närrisch, als wollten sie mich ärgern.

Welches Seil soll ich ziehen? Welches führt zu meinem Glück? Welches führt zum nächsten Schritt? Welches passt ins Puzzle, damit das Bild später mal zusammengesetzt ist?

Später? Wofür später? Warum eigentlich nicht jetzt?

"Sei vernünftig!" sagen sie. "Denk nochmal nach!" sagen sie. "Hab Geduld!" sagen sie. "Lass dir Zeit!" sagen sie.

Wofür?

Geduld ist vorbei. Das Leben ist doch jetzt! Hier und jetzt!

 

Also puzzle ich los, mit dem nächsten freien Puzzlestück.

 

© 2018 Annika Peißert


Vorfreude - dahinter das Meer

Dieser Augenblick, bevor du das Meer siehst.


Ein einziger Schritt und du siehst es. 
Du weißt, dass du es gleich siehst. 
Du weißt es, bevor du ihn gehst, diesen einen Schritt. 
Erwartungsvoll. Ungeduldig. Freudig. 
Die Weite, das Blau bis zum Horizont.
Du riechst die Luft, spürst die Sonnenstrahlen auf deiner Haut und schmeckst die salzige Brise.
Ein Gefühl von Unendlichkeit. 
Dein Herz springt.

Du versinkst in dem wunderschönen Anblick dieser Welt.
Dein Blick schweift zum Strand, zu den schäumenden Kronen der Wellen, die an der Küste entlang tanzen. 
Dein Blick hebt sich über das Meer hinaus zum Horizont.

Du atmest tief ein und bist erfüllt. 

Schon jetzt, bevor du es siehst. Noch ein Schritt, dahinter liegt das Meer.

 

© 2018 Annika Peißert


Etwa eine Stunde

 

Etwa eine Stunde sitzt sie in dem klapprigen Bus, der in Deutschland bestimmt schon lange keine Zulassung mehr bekommen hätte.

Es ist alles wunderschön. Der eigenwillige Verkehr und das Gebahren der Autofahrer, die schlaglöchrigen Straßen, die übervollen Mülltonnen und herumstehenden Müllsäcke am Straßenrand, die unbelebten und verlassenen Häuser, der auf die Windschutzscheibe prasselnde Regen - das alles stört sie nicht. 

Etwa eine Stunde lang kann sie sich nicht sattsehen an der Landschaft, die draußen vorbeizieht. Erst der geschäftige Trubel der Hauptstadt, dann sieht man rechts nochmal das Meer, bevor sich das Gefährt den Berg hinauf schlängelt und nach einiger Zeit wieder kleinere Ortschaften seinen Weg kreuzen. Die Straßen werden immer enger, der Bus jedoch behält seine Größe. Auch dieses Mal bewundert sie den Fahrer, wie er sie  geduldig und manchmal telefonierend durch engen Gassen zirkelt. Autos quetschen sich an Hausmauern, um ihm auszuweichen, sie verkeilen sich beinahe. 
Dann erreichen sie die ersten Olivenhaine. Ihre knorrigen Stämme mit den tiefen Verzweigungen erscheinen ihr wie geheimnisvolle Augen oder vernarbte Wunden. Kein Baum gleicht dem anderen, jeder von Ihnen erzählt ihr eine andere Geschichte. 
Rechtskurve folgt auf Linkskurve, dann wieder links, rechts und so weiter. 
In einer Linkskurve liegt gegenüber einer Tankstelle ein Café mit einem reich gefüllten Angebot aus Kuchen und Süßspeisen. Auf der Terrasse stehend hat man einen wundervollen Blick in das grüne Inselinnere. Der Anblick des mit Zypressen und Olivenbäumen übersäten Tals früh morgens, wenn der Nebel noch unten im Tal hängt und darüber die frühe Sonne scheint, muss atemberaubend sein.
Wieder passiert der Bus eine Engstelle, es wird gehupt und mittlerweile strahlt die Sonne vom wolkenlosen Himmel. 

Während die anderen Fahrgäste immer aufgeregter werden, über die Restdauer der Fahrt diskutieren und sich gegenseitig dazu befragen, viel zu früh beginnen ihre Sachen wieder in den großen Rucksäcken zu verstauen und sich emsig auf das Aussteigen vorbereiten, wird sie immer ruhiger. Und immer freudiger. 

Nach etwa einer Stunde ist sie da. 

                                                                                                                                                      

© 2018 Annika Peißert


Der schlafende Drache

 

Ein Ort am Meer. 
Eine Bank, dunkelgrün gestrichen, steht mit ihren Metallfüßen fest verankert in der grauen Betonpromenade. 

Nur vereinzelt sitzen Touristen in den Cafés auf der anderen Seite der Straße und nehmen das erste Essen des Tages zu sich. 

Nachmittags drängen sich zahlreiche Menschen im Schatten der Bars und Cafés, stürmen die kleinen Geschäfte und besetzen die blauen Liegen am Strand. Strandliegenvermieter eilen zu den Neuankömmlingen genau so eilig, wie zu den eben verlassenen Liegen, um sie von den hinterlassenen Sandschaften der Besucher zu befreien. 
Jetzt ist es noch ruhig.
Ein älterer Mann geht gelassen mit einem Handtuch unterm Arm am Wasser entlang, bleibt hier und da stehen und blickt auf das sanfte Meer, fast so als ob er eine Veränderung erwarte. 
Das Meer kräuselt sich nur seicht in Strandnähe und die zarten Wellen schwappen beharrlich auf den dunkelbraunen Nasssand zu. 


Vor ihr im Meer, scheinbar nur einen Steinwurf weit von ihr entfernt, liegt ein außergewöhnlicher Felsen. 
Mächtig und majestätisch, ruhig und stoisch liegt er da und scheint sich nicht bewusst zu sein, dass er ein heimlicher Star ist, werden doch von ihm täglich unzählige Bilder geschossen. 
Die jungen Sonnenstrahlen tanzen auf seinem Rücken und die sich an ihm brechenden Wellen werfen gemeinsam mit der Sonne um ihn herum Funken. 
Seine Form erinnert an ein Reptil, das sich im Wasser schlafend zur Ruhe gelegt hat. 
Seine Erscheinung und sein Charakter ändern sich ständig mit dem Stand der Sonne und der Laune des Wetters. Heute morgen wirkt er freundlich und hell. 

In ihrer Vorstellung gibt es diesen Moment, in dem plötzlich ein Ruck durch seinen versteinerten Körper geht, dann ein grollendes, urzeitliches Schnauben zu hören ist und die felsenen Krusten des Schlafes aufbrechen. 
Noch müde und steif vom langen Liegen beginnt er sich unter den staunenden Augen der Menschen langsam aus dem Wasser zu heben, deutet als Dank an sein Publikum eine Verneigung in Richtung der Strandpromenade an, bevor er sich anmutig in die Lüfte schwingt. 

Der ältere Mann am Wasser ist ihrem Blick entschwunden. 

                                                                                                                                                     

© 2018 Annika Peißert


rosa Blumen

 

20 Minuten Fußweg über einen griechischen Schotterweg weit entfernt von einem schönen Café, erreiche ich mein Ziel.
Nach einem kurzen, steilen Anstieg zu Beginn des Weges, habe ich das Restaurant passiert, auf dessen Dachterrasse man einen der schönsten Ausblicke auf den allabendlichen Sonnenuntergang hat.
Dann lag ungefähr auf der Hälfte des Weges eine einfache Lokalität, in der ein älteres Ehepaar am Rande der Klippen drei Hollywoodschaukeln aufgestellt hat und ihren Gästen mit großer Herzenswärme und scheinbar immerwährender Freundlichkeit Kaffee- und Kaltgetränke serviert. Selbst geernteter Honig und Olivenölseifen zieren ihren Tresen.
Auf dem Rückweg werde ich mich auf einer der Hollywoodschaukeln ausruhen, Espresso und Wasser trinken, und den Ausblick auf den faszinierenden Felsen im Meer genießen.

Mein Ziel ist eine kleine Kapelle. Um dorthin zu gelangen, habe ich den Schotterweg nach rechts verlassen und bin die letzten Meter über einen ausgetretenen, erdigen Trampelpfad gegangen.

Beim ersten Besuch bin ich an der Abzweigung noch vorbei gelaufen. 
Der Pfad schlängelt sich zwischen den Büschen hindurch und nach einer Linksbiegung eröffnet sich die Freifläche mit dem weißen Gemäuer.
Der von Büschen umzingelte Platz um die Kapelle herum ist trocken und karg. Steine und Boden sind grau und braun. In der hinteren Ecke der Freifläche steht hüfthoch eine weiße Säule, deren Zweck sich mir noch nicht erschlossen hat.

Und dort auf diesem Platz vor der kleinen Kapelle, recken inmitten der Kargheit kleine rosafarbene Blumen ihre zarten Blüten der Sonne entgegen.
Der Wind spielt mit ihnen.
Täglich sehen sie zig Touristen an sich vorbeilaufen.
Ruhig und kraftvoll stehen sie da.

Sie erscheinen mir unwirklich.

                                                                                                                                             

© 2018 Annika Peißert  
   


Die Schaukel  - oder am siebten Himmel

 

Hoch oben im Norden bei den Kreidefelsen, da gibt es einen Ort. 
Ein Ort, an dem das Meer unaufhörlich rauscht, tosend und mächtig. 

Das Rauschen des Meeres drängt die steile Küste hinauf und vermischt sich in meinem Ohr mit dem starken Wind. 
Meine Haare fliegen in alle Richtungen, Speisekarten und Kassenzettel auch. 

Im Schatten ist es fast kühl.

Mannshohe sattgrüne Hecken aus weißen, gefüllten Rosen stehen herum. Ihr Duft wird vom Wind weggetragen. 

Entspannte Jazz-Musik hängt in der Luft, mein Ohr heißt sie Willkommen, mein Herz freut sich. 

An dicken seemannsartigen Tauen hängen braungestrichene Schaukeln. 

Menschen schunkeln vor dem Abgrund auf ihnen hin und her. 

Ich falle auf eine der Schaukeln. 

- vor zurück -

"Kann das wahr sein?" fragt mein Kopf.

Rechts und links geht mein Blick entlang der steilen Küste aus hellen Felsen. 

Vom Meer rund gespült wirken sie fast weich. 

Ich blicke in die Weite des Meeres: 

In der Brandung verwaschen milchig gefärbt von den aufgespülten Resten der Felsen, dann türkisblau, 

bis schließlich weit hinten mein Auge die Farbe verliert. 

Das Meer küsst den Himmel.

- vor zurück -

- vor zurück -

Die Musik spielt ein neues Lied.

- vor zurück -

- vor zurück -

Ich verliere mich im vor und zurück der Schaukel im Einklang mit dem Kommen und Gehen des Meeres. 

- näher weiter -

- näher weiter -

- vor zurück -

- vor zurück -

Mein Cappuccino ist leer. 

                                                                                                                                              

© 2018 Annika Peißert


Sonnenaufgang

 

Das Rauschen des Meeres weckt sie, draußen ist es dunkel. 

Die Balkontür ihres nicht klimatisierten Zimmers steht weit auf und der Wind weht den Vorhang der Balkontür in sanften Wellen in das Zimmer herein, wo er sich in dem Moskitonetz verfängt. Das hat sie auch in dieser Nacht wieder vor den blutsaugenden Brummern bewahrt. 

Nach einem kurzen Kampf gelingt es ihr Bettdecke, Netz und Vorhang zu entwirren und sie bewegt sich tapsend und schlaftrunken zur Dusche, um die Reste des Mückensprays und der Nacht von ihrem Körper und ihrer Seele zu spülen. 

Sie verlässt das Zimmer, geht durch die kühle Septemberluft und steigt auf den hohen Hügel. Zu Beginn noch langsam und müde, wird sie mit jedem Schritt schneller und fängt plötzlich an zu rennen. Ihre Schritte und die rutschenden, aufgewirbelten Kieselsteine klirren laut in der Morgenruhe. Völlig außer Atem erreicht sie den höchsten Punkt des Hügels. 

Zu ihrer rechten fällt die Küste steil ab ins Meer, wo unten am menschenleeren Strand die Wellen ihr unendliches Spiel spielen. Sie dreht dem Abgrund den Rücken zu und starrt gebannt auf die gegenüberliegenden Hügel. 

Dahinter kündigt sich mit einem zarten Leuchten der Sonnenaufgang an.

Wie lange es wohl dauern wird, bis sie sich hinter dem Hügel hervorgeschoben hat und die wärmenden Strahlen auf sie fallen?

Sie friert in der windstillen Morgenluft. 

In der Ferne bellen sich zwei Hunde zu. Dann herrscht wieder Ruhe, absolute Ruhe.
Nach einiger Zeit wird die Ruhe jäh durchschnitten von dem aufdringlichen Brummen der Mücken, die sie entdeckt haben. Sie merkt die nadelartigen Stiche durch die dünne Hose, bewegt sich aber nicht.
Ihre vom Duschen nassen Haare hat sie unter eine Kapuze versteckt, die sie sich weit ins Gesicht gezogen hat, um so wenig wie möglich Angriffsfläche zu bieten. In ihren Ballerina trägt sie Socken, welche sie zum Schutz gegen die Angreifer über die Hosenbeine gestülpt hat.

Sie weiß, dass sie ziemlich bescheuert aussieht, wie sie jetzt hier steht und ärgert sich, dass sie nicht eine dickere Hose angezogen hat, als die ersten Stiche beginnen an ihren Beinen zu jucken. 

Das Bellen eines Hundes reißt sie aus ihren Gedanken.

Die Farbe des Himmels hat sich durch die weiter erwachende Sonne verändert.

Mit jeder Minute erscheinen neue Farben am wolkenlosen Horizont.

Das Licht der Sonne wird gleißend, während sich der Feuerball langsam und beharrlich über die Hügelkette auf den Himmel schiebt. 

Sie öffnet ihr Herz und genießt.

 

© 2018 Annika Peißert 

 


Nachts am Meer

 

Einige Nächte zuvor hat sie dort bereits gesessen, auf der Bank im Meer, gemeinsam mit einem Freund.

Es war eine sternenklare Nacht. Beinahe wäre sie mit ihren Flipflops auf dem Weg über den Betonsteg im Dunkeln ausgerutscht und ins Meer gefallen, genau an der Stelle des Steges, an der die gebrochenen Wellen fast immer oben auf enden und dadurch eine glitschige, dünne Moosschicht haben entstehen lassen. Der helle Mond hatte gerade ausreichend viel Licht gespendet, dass sie die Stelle trockenen Fußes hatte überwinden können. Dann hatten sie einige Zeit lachend, staunend und später ehrfürchtig schweigend auf der Bank gesessen, die Köpfe im Nacken liegend in das funkelnde Firmament gerichtet, bis ihnen beiden Nacken und Schultern weh taten und sie den Rückweg über den Betonsteg zum Strand begingen. 

Heute ist der Himmeln ebenso klar wie in der besagten Nacht und der Gedanke, auf der Bank im Meer allein unter den Sternen zu sitzen, lässt sie zu später Stunde noch den Weg durch die menschenleere, nächtliche Stille nehmen.

Außer ihr ist niemand zu hören, auch die Bars und Restaurants sind so leer wie die Straßen. Sie parkt irgendwo, entledigt sich des Helms und zieht den Schlüssel aus dem Zündschloss ab. Nach den ersten Schritten auf dem steinernen Boden bleibt sie ruckartig stehen, als sie sieht, dass sich vor ihr im Dunkeln auf der Bank im Meer etwas bewegt. Sie geht nicht weiter, sondern gibt ihren Augen, die sich noch an das Licht der Straßenlaterne an der Ecke erinnern, einen Moment, um sich an die nächtliche Dunkelheit zu gewöhnen.

Vorne auf der Bank liegt ein Mensch und daneben stehen allerlei Gerätschaften, die sie trotz des Mondlichts nicht richtig erkennen kann. 

Leise geht sie ein paar Schritte zurück und setzt sich auf eine kleine Mauer, von der sie aus der Dunkelheit heraus die Bank beobachten kann. 
Ihr Blick geht hoch zum Mond, der von einem weißlich schimmernden Wolkenring eingerahmt ist. Das weißliche Licht des Mondes taucht die Szene auf der Bank im Meer in eine mystische Stimmung. 
Nach einer Weile richtet sich der Mensch auf der Bank auf und hantiert mit den Gegenständen herum. 
Ihr Blick wechselt zwischen dem Wolkenmond, den Sternen und der Bank hin und her, während sie sich fragt, ob er aufgestanden ist, weil er sie gehört haben könnte. 
Eine ganze Weile sitzt sie noch da, nachdem er sich wieder auf die Bank gelegt hat, dann entscheidet sie sich wegen der kaltnassen Luft und der fehlenden Aussicht auf das Alleinsein auf der Bank, zu gehen.

Ihr Roller ist nach ein paar Schritten erreicht, sie putzt mit dem Ärmel die nasse Luft vom Sitz, zieht den kalten Helm auf, startet den Motor und blickt noch ein Mal rüber zur Bank im Meer, wo der Angler beginnt seine Sachen zusammen zu räumen. 

 

© 2018 Annika Peißert


Staunen im Frühlingswind

 

Vor zwei Stunden war der Himmel noch grau und wolkenverhangen. 

Sie sitzt mit Blick zum Meer. 
Unten am Strand brechen die Wellen immer und immer wieder und werfen dabei luftige, weiße Linien auf das tiefblaue Wasser. Der Wind bringt das schaumige Schwappen den Berg zu ihr hinauf. 
Hinter einem dünnen, seidigen Wolkenvorhang scheint die Sonne. Die hellen Strahlen treffen ihre rechte Wange. 
Es wird ganz warm dort, wo die Sonne ihre Haut berührt. 
Hinter ihr im Café sprechen lautstark Leute miteinander. Sie versteht sie nicht.
Der zarte Maiwind streicht um sie herum und kühlt ihre rechte Wange, die von der Sonne rot angemalt worden ist. 

Der Wind lässt die Blumen vor dem Café und ihre saftig bunten Blüten sacht nicken und auch die üppigen Büsche winken ihr vom Hang des Berges in diesem Takt zu. 
Mit ihm fliegen Schwalben umher, mal mit schnellen, eifrigen Flügelschlägen, mal ziehen sie gleitend ihre wirren Kreise über den winkenden Büschen des Berges. 
Dann und wann frischt der Wind auf, wandelt sich von kühl in kalt und lässt sie unter ihrer Jacke zittern. Auch das Grün der Blumen und ihre prachtvollen Blüten zittern dann durch seine Kraft. Die Blüten strahlen ihr in gelb, pink, rot und rosa entgegen - der Wind schafft es nicht ihre Farben davon zu wehen. 
Die Wolken ziehen stumm über den blauen Himmel und malen in verschiedenen Tönen immer wieder neue Bilder.

Weit hinten, auf der Horizontlinie, fährt ein großes Schiff auf dem tiefblauen Wasser. Seit sie hier sitzt, hat es schon die Hälfte des Horizonts hinter sich gebracht. Wohin es wohl fährt?
Das Gespräch hinter ihr verstummt. 

Der Wirt reißt sie aus ihrem Staunen, als er das Essen serviert.

© 2019 Annika Peißert